Wahnsinn und Weihnachtspost

Veröffentlicht in Unterwegs mit Tags am 7. Februar 2010 von ratso07

Schreit ein Kind und macht Rabatz, knall’ ihm gleich was vor den Latz (Ulrich Roski)

4. Februar. Während im Hintergrund fleißig der Reisstampfer klopft, hat sich Hennes bereits mit einer vollen Büchertasche zu den Zwillingen begeben. Gestern Brot und Pizza gebacken. Susanne war wegen ihres Fußes bei einer Heilerin und kam ziemlich erledigt wieder. Muss äußerst schmerzhaft gewesen sein, eine Art Massage, wird aber jetzt von Tag zu Tag besser. Ganz interessant: Während wir bei uns, wo es ja (und gerade jetzt wohl besonders…) kühl ist, derartige Blessuren kühlen, werden die hier mit heißem Wasser erhitzt. Hoppla, da drüben ertönt Geschrei, Hennes verbreitet wohl wieder Angst und Schrecken. Aha, wollte mit einem (sehr) großen Stein nach Salwa werfen. Aber angeblich hat sie angefangen… Bisschen schwierig gerade, zuweilen sehr aggressiv, der Kleine, und wenn er seinen Willen nicht bekommt, bekommt er eindrucksvolle Wutanfälle. Und neulich hat er Susas Schminkutensilien zerlegt, da war aber was los…

Aber die anderen Zwerge sind auch gerade heftig unterwegs, neulich wollte Rachmat mit einer Machete auf Kleinmann losgehen. Vielleicht ist gerade der kollektive Wahnsinn ausgebrochen, war die letzten Tage auch ziemlich drückend und die Hunde drehen abends auch alle durch. War schon kurz davor, mir Pak Ismets Flinte zu borgen. Vermutlich sind gerade Wildschweine auf die Reisfelder scharf, was wiederum die Hunde, von denen es im Dorf wimmelt, aber von denen niemand weiß, wem sie eigentlich gehören, die also von allen ständig verscheucht werden, auf den Plan ruft. Neulich ein hiesiges Monopoly-Plagiat erstanden, sieht ausnehmend scheußlich aus, erfüllt aber seinen Zweck.

Allerdings brach Nanda, der die Bank verwaltete, kurz bevor es richtig mit dem Hausbau losging, das Spiel empört ab: Zwei der Jungs hatten Geld aus der Bank gestohlen… Mit den beiden sollte man also besser keine Pokerrunde starten, aber habe eh noch keine Karten gefunden. Muss mich jetzt abends eh gerade wieder im Haus verbergen, wenn die Jungs mich auf der Terrasse sitzen sehen, dauert es nicht lange, bis der erste auftaucht, ein wenig auf seinem Handy herumtippt und dann die ganze Gang auftaucht und um mich rumsitzt. Die meisten sind zwar sehr nett, aber jeden Abend? Nervt manchmal etwas. Gerade trübt es sich ein, wird wohl bald regnen, aber Schneestürme kann ich mir gerade nur schwer vorstellen. Und Ismet hat den Müll angezündet, wollen wir mal hoffen, dass der Wind nicht dreht… Amüsiert zur Kenntnis genommen, dass „vielen Deutschen jetzt der kalte Schweiß auf der Stirn steht“, weil Merkel eine CD kaufen will. Eure Sorgen möchte ich haben, gern zu meinen dazu. Was war noch? Obama will demnächst nach Jakarta kommen, auf dem indonesischen Facebook haben sie einen Prostitutionsring ausgehoben, zwei junge Mädchen aus der Mittelschicht wollten sich so einige Luxusgüter zulegen (bin ja gespannt, ob sie die Facebookseiten ihrer Zuhälter abschalten, und wann…) und in Nordsumatra hat ein Mann seine Mutter mit der Axt erschlagen, weil sie ihm nicht das Essen servieren wollte. Also alles nicht anders als im Rest der Welt. Und als ich gestern zum Dorfladen ging, bin ich tatsächlich unterwegs zwei Frauen ohne Kopftuch begegnet…

7. Februar. Scheint, dass eine der Hündinnen im Dorf läufig ist, deshalb drehen die anderen alle durch. Nervt kolossal. Geld für Zement ist da, heute soll es also eigentlich weitergehen mit dem Damm, sieht nur gerade etwas trübe aus draußen. Wird wohl nix. Hennes ist bereits mit Kris unterwegs nach Bukittinggi, komme ich also später nach und gehe dort in Bereitschaft und ins Netz. Ansonsten viel Regen und Gewitter in letzter Zeit, und wenn es nicht regnet, herrscht drückende Hitze. Und manchmal regnet es, während gleichzeitig die Sonne scheint. Karten zum Pokern besorgt, mal sehen, was die Jungs so drauf haben… Gestern ist ein verspätetes Weihnachtspäckchen angekommen: Gummibärchen! Große Freude beim kleinen Mann. Und Susanne hat herausgefunden, warum die kleinen Kinder hier so viel fernsehen: So lernen sie Bahasa Indonesia, im dörflichen Alltag wird schließlich fast nur Bahaso Minang gesprochen. OK, sollte mich mal langsam aufs Motorrad schwingen, die Internetverbindung via GPS-Stick bringt mich sowieso zur Verzweiflung

Wenn der Berg ruft…

Veröffentlicht in Unterwegs mit Tags , , am 1. Februar 2010 von ratso07

31. Januar. Kopfschmerzen… Gestern abend – im Dienste der Wissenschaft – einen veritablen Vollrausch angetrunken, das erste Mal auf Sumatra. Dieser Baumsaft ist teuflisch. Aber ganz lustig gewesen. Mit den Jungs (Mädchen soll es auch geben im Dorf, die dürfen aber nicht raus, solange sie nicht verheiratet sind…) verabredet zum UNO-Spielen, als sie kamen und wir ein wenig mit der Gitarre herumspielten, kam auch einer der älteren Männer und setzte sich neugierig dazu, worauf die meisten der Jungs sofort verschwanden, da es offenbar nicht gestattet ist, dabei zu sein, wenn die Erwachsenen zusammensitzen. Wirkte interessanterweise auch recht aufgeräumt, der Mann, schien irgendetwas leicht Stimulierendes zu sich genommen zu haben. Verabschiedete sich auch recht bald und leicht schmunzelnd (müssen ja alle früh raus hier), worauf die Jungs zurückkamen. Und dann haben wir also diesen vergorenen Baumsaft in uns reingetan und Karten gespielt. Habe es nur leider nicht geschafft, die Stimmung meiner Gitarre mit deren Ukulele abzugleichen, wahrscheinlich bereits zu matschig im Hirn gewesen. Lernte den Abend über auch fünf verschiedene Begriffe für den „bösen Hosenwurm“ (Tucho), sowie einige herzhafte Flüche, leider am nächsten Morgen alle vergessen. Muss das nächste Mal wohl das Diktiergerät in die Menge halten…

1. Februar. Am gestrigen Morgen noch mit Nanda, Bial und Hennes auf den Berg gestiegen. Anstrengend. Rutschiger schmaler Pfad durch den Dschungel, in den Bäumen huschten die Affen umher, die Sonne brannte und der arme Nanda musste Hennes den Berg hinauf tragen. Runter dauerte es noch länger, knifflige Angelegenheit, teilweise etwas mulmiges Gefühl gehabt, aber Hennes schlug sich recht wacker. Natürlich machten wir uns alle lang und sahen hinterher aus wie eine Rotte Wildschweine. Schweißgebadet, aber ohne größere Blessuren. Toller Blick und interessante Pflanzen dort. Endlich auch mal wieder ein paar Fotos gemacht – da ist übrigens „unser“ Haus:

Probierten im Wald auch Puak, das Herz einer, naja, sagen wir mal bambusartigen Pflanze. Susanne konnte nicht mit – in einen Fuß hat sie sich eine Reisszwecke getreten, am nächsten Tag den anderen Zeh verstaucht… Tja, was war noch? Die Nachbarn haben ein Wildschwein gefangen, das wird vermutlich zum Trainieren der Hunde eingesetzt werden. Armes Schwein… Ibu Ida hat die Dinge jetzt in die Hand genommen und Geld für Zement gesammelt, also wird am nächsten Sonntag vielleicht wieder geschafft. Und Hennes testet kräftig seine Grenzen aus (Gestern schüttete er erst Wasser in sein Essen, dann in Susannes), was manchmal doch etwas zermürbend ist. Vor allem, wenn man müde ist. Aber nachts ist das Internetsignal nunmal am Besten, muss ja schließlich der Facebookmanie frönen…

Kann man sogar ganz gut chatten, gestern habe ich beinahe meine Schwester erwischt, deren Handy ich irgendwie nicht erreichen kann. Doch kaum schrieb ich Hallo, war sie auch schon weg… Manchmal renne ich also nachts zwischen Terrasse und Küche hin und her und versuche, das Internetsignal festzuhalten. Ansonsten ist alles ganz schön gerade, nur die ständigen Predigten über die Lautsprecher nerven etwas. Vor allem erinnert mich der eifernde Tonfall fatal an gewisse Reden, die seinerzeit in der Heimat über den Volksempfänger zu hören waren. Und kaum nehme ich die Gitarre zur Hand, ruft der Imam sofort zum Gebet und alle Musik muss aus. Naja, schlechtes Timing meinerseits. Frage mich nur, wo das hier hinführen wird, eigentlich stand Indonesien immer für einen gemäßigten und toleranten Islam und eigentlich ist hier bei den Minangkabau eine Art Matriarchat, was nun mit dem arabischen Islam gar nicht zusammen geht.

Doch in Aceh haben die Betonköpfe bereits freie Hand und hier sind sie auch auf dem Vormarsch. Langsam, aber stetig. Eine indonesische Frauenrechtlerin, mit der Susa neulich sprach, fing bei dem Thema an zu weinen. Erwähnte ich schon, dass vor zwei Wochen drei Shariapolizisten nichts Besseres zu tun hatten, als eine Studentin, die sie vorher wegen unschicklicher Kleidung eingesperrt hatten, in der Zelle zu vergewaltigen? Noch dazu während des Freitagsgebets? Glückliches Aceh…

Moslems, Mädchen und Musik

Veröffentlicht in Unterwegs mit Tags , am 27. Januar 2010 von ratso07

27. Januar. Gähn. Irgendwie sind die Kinder gerade wieder mit Lautsprecherdurchsagen dran. Oder war das  Gesang? Egal. Dann kommt Kris, um sein Auto zu wienern, wobei er natürlich erstmal mehrerere Male den lauten („Mek, Mek) Türöffner seines Lieblings betätigen muss (kaputt?), dann sämtliche Autotüren mehrmals ins Schloss fallen lässt, möglicherweise, um sich an deren satten Klang zu berauschen, wobei es sich versteht, dass vorher, während und danach auch sämtliche andere Türen zugeknallt werden. „I´m in love with my car…“ Mit etwas Glück wird sein Vater auch gleich wach und dann schreien sie sich eine Unterhaltung zu. Wenn sein Vater Besuch hat, macht dieser den Fernseher in seinem Zimmer so laut es geht, setzt sich dann mit dem Besuch vor die geöffnete Zimmertür und dann wird dort herumgeschrien. Müssen ja auch schreien, wenn der Fernseher so laut ist… Manchmal frage ich mich, ob ich in diesem Haus im Setting eines irgendwie seltsamen Films gelandet bin… Frage mich, wie Hennes und Susa es schaffen, dann doch noch so „lange“ zu schlafen. Normalerweise wäre jetzt eine gute Zeit, um ein bisschen im Internet herumzuturnen und meiner neu erworbenen Facebook-Addiction nachzugehen.

Scheine mich infiziert zu haben, aber in Indonesien ist Facebook auch das ganz große Ding. Anscheinend werden auch etliche Hochzeiten dort angebahnt (ist ja auch schwierig, wenn man sich mit dem anderen Geschlecht eigentlich nicht alleine treffen darf, solange man noch nicht verheiratet ist), und der eigene Account wird stündlich upgedatet, meist per Handy. Dazu war gestern oder so auch ein schöner Bericht im Globe. Susanne war neulich auf einer Hochzeitszeremonie  in der Moschee, bei der das Brautpaar sich über Facebook kenengelernt hatte, der Imam beinahe die Nerven verlor, weil die Leutchen die zeremoniellen Erfordernisse nicht gebacken bekamen und dann mittendrin noch ein Handy mit dem Song „I’m a sexy girl“ laut losplärrte…

Jetzt kann ich Socialnetworkmäßig gerade nicht mehr mithalten, Guthaben für die Karte ist alle. Und als ich gestern in Pekan Selasa im Warnet war, fiel natürlich prompt der Strom aus. Naja, könnte den Blog auch mal wieder ein bisschen auf Vordermann bringen, und wenn ich nachher sowieso nach Bukittinggi muss, geht der auch gleich raus. Hier geht wieder alles so einigermaßen seinen Gang, meist geht Hennes morgens früh schon einkaufen oder zu seinen Kumpels, während ich mich über die langsame Internetverbindung ärgere und Susanne schreibt oder Daten sammelt.

Zwischendurch kommt Kleinmann immer mal wieder vorbei, entweder weil er gerade einen auf die Mütze bekommen hat, oder weil er Milch will, oder weil er „Tom und Jerry“ kucken will. Alle paar Tage fahre ich mit ihm nach Bukittinggi, Vorräte aufstocken, und Dienstags und Freitags ist Markt in der Nähe.

Nachmittags tauchen dann mehr und mehr Kinder auf, meist nur die Jüngeren, die Älteren haben neben Schule, Hausaufgaben und Islamunterricht eigentlich kaum Freizeit. Und wenn ich dann mit dem Laptop auf der Terrasse sitze, bin ich bald von irgendwelchen Kids umringt und kann es dann auch lassen. Und abends kommen dann die Jugendlichen, weswegen ich mich jetzt erstmal abends nicht mehr raussetze, sonst lungern sie jeden Abend hier rum und wir haben gar keine Ruhe mehr. Und abends ist die einzige Gelegenheit, mal ungestört von einem kleinen Terroristen zu arbeiten, zu lesen, ein Gespräch zu führen, oder sogar mal einen Film zu kucken. Der erste Abend mit den Jungs war ganz lustig, sie brachten „Tuak“ mit und wir versuchten, zusammen einen Film zu kucken („2012“ hatten sie natürlich alle schon gesehen, sodass ich ihn also nicht nur immer noch nicht gesehen, sondern ihn anscheinend  auch verlegt habe), hörten Musik und so. Irgendwann hörte man in der Nähe eine Stinkfrucht fallen, worauf sie sofort losrannten und diese in kürzester Zeit verspeist hatten.

Auf die Durian sind sie alle ganz wild hier, muss man aber mögen, ist nicht meins. Der zweite Abend ging dann auch, weil ich diese Gelegenheit nutzte, noch etliche Minangwörter zu sammeln und die alte Tabelle berichtigen zu lassen. Ist jetzt mittlerweile auf fünf Seiten angeschwollen, stelle ich wohl erstmal besser nicht hier rein. Hier soll „Udo“ angeblich auch „Großmutter“ bedeuten, allerdings hat Susanne da wieder ganz andere Informationen bekommen. Na, toll… Mit den Informationen ist das sowieso immer so eine Sache, fragt man fünf verschiedene Leute, bekommt man fünf verschiedene Antworten, von denen keine die richtige sein muss. Wundere mich manchmal, wie Susanne es schafft, da vernünftige Informationen zu gewinnen. Zumal das mit den Verabredungen und Terminen ja auch so eine Sache ist. Aber ich glaube, sie weiß mittlerweile, wen man zu welcher Sache fragen kann. Und manchmal ist es ja auch ganz spannend, was die Leute nicht sagen, oder zu verschleiern suchen. Ganz interessant: Als ich ihren Zwischenbericht las, entspann sich ein Streit, in welchem Bezirk wir wohnen. Ich: „Kamang Hilir“, sie: „Kamang Hilia“.

Fragt man dann irgendwen, bekommt man diese nicht weiterhelfenden Antworten, also auf beide Fragen ein Ja. Irgendwann und irgendwie bekamen wir dann heraus, dass der eine Name der auf Bahasa Indonesia, und der andere der auf Bahaso Minang ist. Und diese Sache mit dem Schulgeld: „Muss man für alle Schulen Geld bezahlen? Ja. Für die Grundschule auch? Nein. Also muss man für die Grundschule nicht bezahlen? Doch.“ Also fragt man erstmal einige Leute, versucht aus diesen Antworten irgendetwas möglicherweise Wahrscheinliches herauszudestillieren und fragt dann andere Leute konkret nach diesen wahrscheinlichen Lösungen. Was dann aber auch nicht unbedingt weiterhilft… Also wird für die Grundschule (vermutlich, wenn ich das richtig verstanden habe ;-) kein Geld verlangt, außer einer einmaligen Eintrittsgebühr für Schuluniformen und so. Bei den weiterführenden Schulen kommen dann noch monatliche Gebühren hinzu, die so teuer sind, dass die meisten sich das dann eben nicht mehr leisten können. Naja, da kommen wir in Deutschland bestimmt auch bald hin, wenn sie so weitermachen…

Überhaupt, wozu soll man eigentlich rechnen lernen, wenn man doch gar kein Geld hat? Oder Lesen, wenn man sich eh keine Bücher leisten kann? Daheim scheinen viele gerade auf das „Bedingslose Grundeinkommen“ abzufahren, die Idee fand ich früher auch mal gut, doch wer soll das bezahlen? Im Grunde führt es aber zur Entwürdigung, Kapielski sonderte dazu interessante Gedanken ab, Stichwort “Buttermarken” . Oh, da drüben regt sich was, anscheinend haben die vereinten Gockel des Dorfes meine Familie mittlerweile wachgekräht.

Mal schauen, was Hennes heute so alles anstellt, gestern war er wieder in Hochform. Ist vermutlich nicht ausgelastet, sollte vielleicht mal einen Sandsack  besorgen, Bälle machen es ja nicht so lange hier. Einer der kleinen Jungs, mit dem ich mal Songs ausgetauscht hatte, fragte mich gestern, ob es in Deutschland auch Gefängnisse gäbe und Leute, die klauen. Hier im Dorf gäbe es nämlich viele Diebe und man solle aufpassen…

Ich glaube, morgen abend setze ich mich doch mal wieder auf die Terrasse, aber dann sollen sie „Tuak“ mitbringen, nach den ersten Schlucken schmeckt der Baumsaft gar nicht mehr so übel. Und dann quetsche ich noch ein paar Informationen aus ihnen heraus. Dachte nämlich eigentlich, dass den Moslems der Alkoholkonsum verboten sei. Aber in deren Alter ist man ja sowieso ganz doll an Mädchen, Musik, Alkohol und Drogen interessiert und überhaupt an allem, was verboten ist. In meinem ja nicht mehr so… ;-)

Ah, da kommt Hennes. Und strahlt über das ganze Gesicht. Kennt ihr eigentlich schon seinen neuen Lieblingssong? OK, das war es für erste, Haltet euch warm…

PS. Fotos sind diesmal, wie so oft in letzter Zeit, alle von Susanne…

Die Affen rasen durch den Wald…

Veröffentlicht in Notizen, Unterwegs mit Tags , , , , am 21. Januar 2010 von ratso07

13. Januar, morgens. Rechner hochgefahren, Internet besucht. Beim E-Mail-Programm sprangen mich gleich Schlagzeilen an wie „Essstäbchen steckt in Gehirn von kleinem Jungen fest“ und „Nachbarin sah Bremer Doppelmord mit an“. Lecker… Morde in der Familie scheint es hier weniger zu geben, dafür mehr mit politischen Hintergründen. Keine schöne Nacht: Die Alarmanlage in Kris’ Auto ist kaputt (vom vielen Waschen?) und geht gerne mitten in der Nacht los, was ER dann nicht hört. Später dachte ich, ein leichtes Erdbeben zu spüren, war aber der Fernseher seines alten Herrn, der so laut war, dass mein Bett vibrierte. Kris hätte also die Alarmanlage sowieso nicht hören können, selbst wenn er hören könnte. Noch kein Regen, vielleicht fahren wir also später mal ein paar Tage ins Harauvalley und nach Payakumbuh, kann Susa mal in Ruhe ihre Notizen durchgehen, hier findet man ja doch keine Ruhe.

Sonntag waren wir im Sianok-Canyon unterwegs, auch sehr schönes Flusstal mit eltichen Wasserfällen, die Piste wurde nur irgendwann so steil, dass das Motorrad (Automatik…) zu qualmen anfing und wir den Berg wieder runterrollen mussten. Entdeckten aber einen sehr schönen Platz am Fluss, an dem drei Jungs gerade eine Art Homestay mit Restaurant bauen, wunderschön gelegen, die Hütten im Minangstil, eine Art Naturlehrpfad legen sie auch gerade an und bieten Rafting an. Ist zwar noch nicht alles fertig, aber wir werden das demnächst mal ausprobieren müssen, sieht einfach zu schön aus. Vielleicht können wir dann auch endlich mal wieder Kanufahren…

Auf der Rückfahrt wären wir beinahe trocken nach Hause gekommen, hätte nicht Hennes, windellos auf dem Motorrad hinter mir sitzend, in die Hose gepinkelt. Da war ich dann, nunja, etwas angepisst… Montag besuchten wir auf ausdrückliches Verlangen der Lehrerin den Englischunterricht in einer Schule in der Nähe, eigenartige Veranstaltung, das Englisch der Lehrerin war katastophal, sie verstand so gut wie nichts und hörte ohnehin kaum zu, und ihr Unterricht war dementsprechend.Es war schlicht nicht möglich, ihr begreifbar zu machen, dass mein Name „Udo“ lautet (Uda bedeutet auf Minang sowas wie älterer Bruder und geht eben auch als Anrede durch, worauf sie hartnäckig behauptete, Susanne würde daraus folgernd „Uni“ angesprochen werden, was ihr auch nicht auszureden war).

Die Schüler mussten vorsingen und tanzen und zwangen mich darufhin auch zum Vorsingen. Eigenartige Veranstaltung, waren froh, als wir wegkonnten und leicht erschöpft hernach. Irgendwie scheint „unser“ Dorf das bei weitem strenggläubigste in der ganzen Umgebung zu sein und ich stelle mit leichtem Bedrücken eine schleichende Arabisierung des Islams auf Sumatra fest. Nach dem Erdbeben waren natürlich auch die Golfstaaten mit Hilfe vor Ort, die aber dann aber auch immer gleichzeitig ihre weitaus strengere Auslegung des Islams importieren. Interessanterweise helfen die Scheiche aber immer nur in muslimischen Gebieten, Bali wurde seinerzeit komplett von ihnen ignoriert, lohnt ja nicht, weil mehrheitlich Hindus…

Hennes schlägt derzeit mit Begeisterung Purzelbäume und treibt Sport, was mich dazu animierte, ihm einen Handstand an der Wand vorzuführen, ging auch gerade so… Habe immer noch Wasser im Ohr von Nusa Lembongan, als ich mich von den Wellen an den Strand werfen ließ, vielleicht hilft der Handstand ja. Gestern den Stieg Larsson beendet, sehr spannend, nur wo kriege ich jetzt den zweiten und dritten Teil her? Egal, da wartet noch ein monströser Schinken von Roberto Bolano. Habe auch „2012“ auf dem Basar erstehen können, aber noch nicht kucken können, denn wenn Hennes dann im Bett ist, machen wir es meist auch nicht mehr lange. Ansonsten sind wir alle gesund und munter, naja munter morgens meist nur Hennes, und die Krätze scheint auch in ihren Nachwirkungen überwunden. Ertappte mich allerdings gestern dabei, wie ich gedankenverloren mit dem Schnee im Eisfach herumspielte…

Mit der emotionalen Zurückhaltung der Hiesigen scheint es doch nicht immer ganz zu klappen, entnervte Eltern, die ihren Kindern als umltimo ratio eine Tracht Prügel verabreichen, scheint es auch hier zu geben und gestern beobachtete ich zwei Busfahrer, die sich nach einer kleinen verkehrlichen Kontroverse erregt anschrien und kurz davor waren, sich ernsthaft zu wuppen. Wie wir neulich herausbekamen, hat Hennes einige Dinge (Mückenlotion, Öl) heimlich in den Brunnen geworfen, wage nicht daran zu denken, was da noch alles drinliegen mag. Ok, solange es so trocken aussieht, sollten wir langsam mal in Wallung kommen, vielleicht kann man dort ja auch ein GPS-Signal empfangen. Bis dahin…

Abends: Unterwegs eine lange grasgrüne Schlange über die Straße gelassen. Jetzt: Himmlische Ruhe, keine Menschenseele. Die nächste Moschee ist weit, keine dicken Autos, die gewaschen werden müssen und die Sonne wird wohl auch erst gegen neun über die Feldwand krabbeln. Werde sicher vor Aufregung nicht einschlafen können…

Hörst Du den Mond? (Hennes)

20. Januar. Zurück in Koto Nan Gadang. Gestern wieder gekommen, Brote gebacken, Waschmaschine angeworfen und zum Markt, Vorräte aufstocken. Abends kam Kris dann mit einem Paket vorbei: Ein Weihnachtspäckchen aus Kassel, Juhu. Mit Krimis, einer Spiegel-Jahreschronik, einem Hörbuch, einer Lotion für Susanne, Bilderbüchern und Vollkornbrot. Toll! Und wir haben sogar noch etwas Leberwurst übrig. Danach dann Mails gecheckt und erfahren, dass ich Onkel eines kleinen Lennart geworden bin. Noch ein Grund zum Feiern, schön wieder hier zu sein. Obwohl es sich im Harau-Valley auch sehr gut aushalten lässt.

Mir scheint auch, dass sich dort, mehr im Herzen des Minang-Gebietes, noch viel mehr alte Traditionen erhalten haben. Auch sieht man gar nicht so viele Kopftücher und die Leute wirken insgesamt alle sehr gelassen und freundlich. Und das Homestay ist toll. Morgens fangen die Affen irgendwann an, Radau zu machen und sich am Echo zu berauschen, klingt toll, mal schauen, ob ich den Sound hier irgendwo ablegen kann.  Susanne musste natürlich arbeiten, also vor allem ihre Unterlagen mal sichten, während Hennes und ich derweil die Gegend erkundeten.

Also vor allem die Wasserfälle, einer toller als der andere. Nur leider auch ziemlich zugemüllt, wie das halt so ist auf Sumatra… Und viele Informationen gab es auch, über Dschinns und deren Abwehr mittels Bädern aus Betelnuss-Bestandteilen und Amuletten und wir entdeckten sogar eine Sammlung von Minangmärchen auf Deutsch.

Die hatte der ehemalige Besitzer des Homestays gesammelt, dabei auch ein Roman über seine Erlebnisse (ganz interessant, gibt es auch als Pdf, das ich auf Anfrage schicken kann). Er hatte sich wohl irgendwann auf Sinnsuche bis nach Indonesien durchgeschlagen, hat dort geheiratet und ist zum Islam konvertiert. Irgendwann waren ihm die Leute im Valley aber nicht mehr strenggläubig genug, mittlerweile hat er ein islamisches (Ferien-)Dorf auf Sulawesi aufgebaut, mit Sharia, islamischem Geld und allem drum und dran… Während wir die Texte in einem kleinen Dorf fotokopieren ließen, warteten wir in einem kleinen Laden, wo Hennes natürlich wieder ganz im Mittelpunkt stand und Susa eifrig Material über die Amulette sammelte.

Ein Zauberwürfel war dort auch, ganz interessant, scheint die These zu unterstützen, dass die Menschen hier teilweise Schwierigkeiten mit abstrakten Aufgaben zu haben scheinen, jedenfalls können sie sich sehr lange und erfolglos damit beschäftigen. Irgendwann wurde mir dann unvermittelt ein missgebildetes Kind ins Gesicht gehalten, riesiger Kopf, statt der Nase ein Loch, aus dem es heraustropfte, die Augen auch nur irgendwie halb vorhanden, ohne Sonnenbrille und mein Phlegma hätte ich vermutlich total erschrocken reagiert. Hennes wurde ganz still, kuckte erschreckt und blieb ein Weilchen auf meinem Arm. Die Leute und Kinder gingen aber sehr fürsorglich und zärtlich mit dem Kind um, fragten nur Hennes immer wieder, ob er Angst vor ihm hätte. Hatte er wohl auch ein bisschen…

Irgendwann tauchten dann noch andere Gäste im Homestay auf, allerdings blieben wir die einzigen Weißnasen im Umkreis von 40 Kilometern. Erst hielt eine Hilfsorganisation im Homestay ein Meeting ab. Einer von Ihnen versuchte Hennes am Abend dazu zu motivieren, einen Kriegsfilm mit explodierenden Köpfen in Nahaufnahme mit anzusehen, auf seinem T-Shirt stand groß „Save the Children“. Wovor? Vor ihm selbst? Mannomann…

Danach eine Gruppe Ehefrauen aus Jakarta, die in der Umgebung bis zur Besinnungslosigkeit shoppen gingen (vor allem kistnweise Krupuk, die lokalen Spezialitäten müssen schließlich als „Oleh-Oleh“ den Lieben daheim mitgebracht werden) und abends Livemusik geboten bekamen. Nicht schön, aber sehr laut (zum Glück flog alle zwei Minuten die Sicherung raus) und mit einer Sängerin, die ihre doch sehr beachtliche Leibesfülle in hautenges Spandex gepresst hatte, was leider dann auch ein bisschen nach Presswurst aussah. Ohrenstöpsel hatten wir aber zum Glück dabei. Unangenehm wurde es nur mit der letzten Gruppe. Während wir frühstückten, tauchten lauter unfreundliche Männer auf, die quasi direkt neben uns ins Gebüsch pinkelten und sich danach ganz nah bei uns hinhockten und uns anstierten. So was habe ich noch nie erlebt und schon gar nicht in Indonesien. Interessanterweise war das eine örtliche Versammlung der Partei von Megawati Sukarnoeputri, Tochter des ehemaligen Diktators und ehemalige Präsidentin. Die Partei der reichen Leute, teilweise in irgendwelchen Milizuniformen, sehr unangenehmes Volk.

Diesen Tag verbrachten wir dann doch lieber woanders, aßen riesige Chips, trafen freundliche Leute in netter Umgebung und konnten abends sogar Arak probieren, den aus einem Baum gewonnenen lokalen Schnaps. Schmeckt aber nicht doll. Interessanterweise bedeutet „Udo“ hier unten „Großvater“, naja, so fühle ich mich manchmal auch…

21. Januar. Gestern war Firman hier, der an der Uni Bukittinggi über Spracherwerb bei Kindern forscht und uns als Forschungsobjekt betrachtet. Während er mit Hennes beschäftigt war und Susanne beim Islamunterricht (der Forschung halber…), konnte ich also ein wenig im Internet herumdaddeln.

Und heute werden Hennes und ich nach Bukittinggi fahren und uns dort mit ihm treffen, was mir dann hoffentlich Gelegenheit gibt, endlich mal den Blog hochzuladen. Noch ein paar Worte zur Sprache: Die Leute hier sind also alle mindestens zweisprachig, im Alltag wird Bahasa Minang gesprochen, allerdings im jeweiligen örtlichen Dialekt, von dem es unzählige gibt, und die sogar von Dorf zu Dorf variieren können, zum Schreiben und für lokale Anlässe wird Bahasa Indonesia verwendet. Am Anfang, als ich noch dachte, es seien nur ein paar Wörter, in denen sich Baso Minang und Bahasa Indonesia unterscheiden, habe ich mal ein bisschen gesammelt:

Bahasa Indonesia

Baso Minang Deutsch English

Capai Panek / latiah Müde Tired
Terima kasih Tarimo kasih Danke Thank you
Belum Alun Noch nicht Not yet
Ke mana Kama Wohin (to) Where
Di mana Dima Wo Where
Pergi Pai Gehen Go
Sekali / Banyak Sakali / bana Sehr / viel Very / much
Kenapa Baa Warum Why
Tidak Indak Nein, nicht No, not
Apa Apo Was What
Semua Kasadonyo Alles All
Uang Pitih Geld Money
Bekerja Karajo Arbeiten Work
Sebegai Sabagai Als… As…
Lupa Lupo Vergessen Forget
Teman Kawan Freund Friend
Ingat Ingek Erinnern Remember
Coba Cubo Versuchen Try
Rasa Raso Schmecken / fühlen Taste / feel
Sedih Sadiah traurig Unhappy, Blue
Marah Bangih Böse, sauer Angry
Senang Sanang Froh Happy
Khawatir Rusuah Besorgt Concerned
Juga Juo Auch Also
Batuk Dikuhue Husten Cough
Bagus Rancak Gut Good / fine
Suda Alah / uda Schon Already
Kecil Ketek Klein Small / little
Besar Gadang Groß Big
Perempuan Padusi Frau Woman
Sama-sama Samo-samo Bitte (gern geschehen) You’re welcome
Kucing Kuciang Katze Cat
Anjing Anjiang Hund Dog
Istri saya / istriku Bini den Meine (ehe)frau My wife
Suamiku Laki den Mein Mann My husband
Saya / aku Awak / aden Ich I / me
Anda / kamu Anda / ang / kau Du You
Dia Inyo Er, sie He, she
Satu Ciek Eins One
Dua Duo Zwei Two
Tiga Tigo Drei Three
Empat Ampek Vier Four
Lima Limo Fünf Five
Enam Anam Sechs Six
Tujuh Tujuah Sieben Seven
Delapan Lapan Acht Eight
Sembilan Sambilan Neun Nine
Sepuluh Sapuluah Zehn Ten
Sebelas Sabaleh Elf Eleven
Duabelas Duobaleh Zwölf Twelve
Siapa Sia Wer Who
Kapan Bilo Wann When
Berapa Bara Wieviel How much
Boleh Buliah Dürfen May / allowed to
Punya Punyo Haben Have
Kasih Agian Geben Give
Dapat Dapek Bekommen Get, receive
Ambil Ambir Nehmen Take
Berhenti Baranti Aufhören, stehen bleiben Stop

Noch ein hübsches Beispiel, welches ich im Netz fand, aber vermutlich auf Sumatra trotzdem niemand versteht:

Minang:Indak buliah mambuang sarok disiko!
Indonesian:Tidak boleh membuang sampah di sini!
English:Do not dump rubbish here!

Eigenartigerweise kann man die Affen heute morgen auch hier in den Hügeln hören, zum ersten Mal. Ob sie uns wohl verfolgt haben?

So. Der ganze Kladderradatsch ist hochgeladen. Die Restbilder pack ich auf Facebook hin. Und Hennes (,der eigentlich eine “Pizza Dickmadam” essen wollte,) ist mit Firman im Zoo. Da kann ich mir ja direkt noch mal eine schoene  Zeit im Netz machen, vielleicht finde ich ja wen zum Chatten… ;-) Hoppla, da kann man ja draufdruecken, auf den Smiley…

Wenn der Muezzin zweimal klingelt

Veröffentlicht in Unterwegs mit Tags , , am 11. Januar 2010 von ratso07

Ist das Haus kaputt, weil da Erdbären waren? (Hennes)

9. Januar. Habe einen schlimmen Verdacht: Vermute, dass Kris sein Auto nicht nur hier täglich morgens und abends wäscht, sondern tagsüber in Bukittinggi auch noch, wahrscheinlich sogar mehrmals, nämlich vor und nach jeder Fahrt. Von Waschzwang hatte ich schon gehört, aber Autowaschzwang? Seltsam, seltsam. Gestern bei der Regionalpolizei (einer schlief, zwei sahen fern, zwei spielten Tischtennis, wir mussten aber erstmal warten) gewesen, der Dorfchef hatte Sorgen, weil die nichts von uns wussten, jetzt wussten die nicht, was wir bei ihnen wollten. Wir auch nicht. Naja, haben sie ein paar Formulare von uns bekommen und scheinen zufrieden zu sein. Hätten wir uns aber auch sparen können. Ob das eine Art Trick des Dorfchefs ist, um uns dazu zu bringen, den noch fehlenden Zement für die Dammarbeiten zu bezahlen? Die Arbeiten sind nämlich fast fertig, liegen aber seit Wochen brach, weil kein Zement mehr da ist. Und da alle Leute bereits für das alle drei Jahre stattfindende Koranleseschulabschlussfest Geld gespendet haben, haben sie jetzt natürlich kein Geld mehr für den Zement übrig.

Apropos Zement, wenn ich daran denke, dass sie nach dem Erdbeben mit bloßen Händen nach den Opfern gruben, weil sie kein schweres Gerät hatten und dass es rund um Padang nur so von Zementfirmen wimmelt, die eigentlich alle genug Geräte gehabt hätten, Naja… Und der Bürgermeister Padangs, der nach dem Beben auch nicht die  optimalste Performance ablieferte, will demnächst wohl Gouverneur von Sumatra werden und die Sharia einführen. Herrliche Zeiten, dabei befürchten viele Leute jetzt schon, dass der Islam die Minang-Traditionen langsam verdrängt. Aus Aceh ist zu hören, dass einige Leute fünf Jahre nach dem Tsunami immer noch keinerlei Hilfe bekommen haben, dafür haben andere Leute jetzt zwei oder drei neue Häuser. Und es schlummern dort noch Millionen an nicht ausgegegebenen Hilfsgeldern, dafür haben sie dort eine Art Gedenkstätte / Museum gebaut, mit dem die Indonesier überhaupt gar nix anfangen können.

Wird wohl für die Touris sein, obwohl dafür die beste Maßnahme sein dürfte, die Sharia wieder abzuschaffen und damit aufzuhören, auf Ausländer zu erschießen. Selbst Fiona rannte dort nur mit Kopftuch herum. Gestern war der Muezzin bei uns, um uns für unsere Spende für das Fest (Eurer Geld ist bereits alles beim Posko Jenggala und der Kindergarten dürfte mittlerweile bereits fertig sein) zu danken. Erwartete (auch von der Stimme her), einen älteren Finsterling zu treffen, war aber ein sehr sympathischer junger Mann, der mit seinem kleinen Sohn vorbeikam.

Nutzte die Gelegenheit, ihm die Idee des Recyclingtaschenprojekts vorzustellen, vielleicht wird es ja jetzt doch noch was. Aber wer weiß, die Mühlen mahlen langsam hier, es sei denn, es sind Reismühlen. Habe bei Facebook die Chatfunktion entdeckt, ganz praktisch (also, wenn Ihr mit mir chatten wollt, legt euch einen Account zu, manchmal klappt es sogar trotz Zeitverschiebung…) und ein wenig mit Fiona geplauscht. Offensichtlich hatte sie wieder ein nettes sprachliches Missverständnis. Erzählte jemandem von einem Freund, der Leute unbemerkt (unaware) fotografiert, woraufhin dieser Fotos von „anderer Leute Unterwäsche“ (underwear) verstand. „Unaware of his underwear“ – das schreit nach einem Song…

Von H. bekam ich vor einiger Zeit eine Mail, in der er von einer denkwürdigen, eigentlich abgesagten Geburtstagsparty berichtete, auf der auch eine Frau mit der Tätowierung „Geile Zeiten“ auf ihrem Dekolletee auftauchte. Ein anderer Gast fragte sie später, wohl nicht mehr ganz nüchtern, warum zum Teufel sie denn da „Gelbe Seiten“ stehen habe…  Auch schön. Susanne füllt derzeit Seite um Seite mit Notizen, hat offenbar gerade einen Lauf und Hennes kackt nach wie vor munter in der Gegend herum, gestern mitten auf den Dorfplatz. Ansonsten scheint er süchtig nach Tom und Jerry zu sein und hält gerne Männer auf Motorrädern an, um sich von Ihnen nach Hause fahren zu lassen.

Werden ihm wohl einige Dinge abgewöhnen müssen, wenn wir wieder in Deutschland sind. Aber das dauert ja noch ein Weilchen… So what?

Ein Schiff nach Nusa Lembongan

Veröffentlicht in Notizen mit Tags , am 5. Januar 2010 von ratso07

Du bist wie ein Brett

(aus einem indonesischen Deutschlehrbuch, der indonesische Satz bedeutet eigentlich so etwas wie „Ich finde Dich interessant“)

5. Januar, Koto Nan Gadang. So. Frohes neues Jahr erstmal euch da draußen! Urlaub vorbei? Hier auch… Zeit für ein Update. Nachdem ich Fiona durch den Monsun zum Bus gebracht hatte, wobei wir beide klitschnass wurden, hieß es für uns auch langsam Packen. Nach dem üblichen Höllenritt nach Padang, den ich diesmal aus dem Rückfenster starrend hinter mich brachte, gelang es uns irgendwie, Horst noch rechtzeitig zum gemeinsamen Flug nach Bali auf dem Flughafen zu treffen. Vorher konnte er auch gleich noch Bekanntschaft mit den dort üblichen Taxiabzocken machen, nicht schön, aber wohl unvermeidlich. Nach einer für alle sehr langen Reise kamen wir dann gegen 23 Uhr am 21. Dezember mit dem schlafenden Hennes im Hotel auf Bali an. Schöne Überraschung: Horst hatte ein großes Zimmer mit drei Betten, wir ein kleines mit zweien. Besser nicht im Internet buchen. Also tauschten wir kurzerhand die Zimmer, leider nicht heimlich, was dem unfreundlichen Rezeptionisten des Legian Village Hotel allerdings überhaupt nicht passte. Also nervte er uns fortan jeden Tag mit der Forderung, wir müssten noch ein Extrabett zahlen (Wozu? Das stand doch schon drin. Und warum stand es eigentlich in dem Einzelzimmer? Egal.Am vorletzten Tag dort wurden wir schließlich an der Rezeption gestellt und nochmals gefragt, ob wir das „Extrabett“ zahlen, was wir verneinten, woraufhin die Rezeptionistin meinte, dann würden sie es halt rausnehmen. Beim Weggehen hörten wir noch, wie Rezeptionist und Rezeptionistin sich anschrien, einge waren zufrieden, weil sie dachten, sie würden es aus der Rechnung rausnehmen, ich aber ahnte schon, was passieren würde. Und siehe da: abends hatten wir nur noch zwei Betten… Egal, die Krätzekur war bereits durch und scheint auch Erfolg gehabt zu haben (Klopft auf Holz…).

Frühstück war auch lausig. Überhaupt ist Kuta Beach nur abzuraten über die Feiertage, kurz vor Sylvester wurde es sogar noch schlimmer: Prostituierte und Ganoven an allen Ecken und überall torkeln betrunkene Australier herum und böllern. Nunja, es sollte ja nur eine kurze Zwischenstation sein. Den ersten Tag verbrachten wir am Strand, der an der Wasserlinie mit toten Fischen übersät war, das Wasser stank und war voll Plastikmüll. Scheint, als hätte irgendein großes Schiff sich seines Mülls vor Bali entledigt. Naja, wir wollten eh in erster Linie rumliegen und relaxen, trafen auch etliche Leute vom letzten Mal wieder, aßen wieder die leckeren Hamburger am Strand, und Horst wurde von zwei Damen gleichzeitig massiert. Dann wurden die Buch- und DVD-Vorräte aufgestockt, abends waren Hotte und ich noch erst im Pool und sahen einer mittelprächtigen Band zu, später dann in einem Club mit  guter Reggaeband, und am nächsten Tag ging es in die Berge nach Ubud. Einige von uns gingen dort auf einen intensiven Shoppingtrip und danach besuchten wir alle zusammen den „Affentempel“.

Toller Urwald, verwitterte Statuen und überall Affen, die dir auf den Kopf springen, wenn Du ihnen nicht schnell genug dein Essen aushändigst. Apropos Essen: Auf Bali war es diesmal überall nicht doll. Egal, am nächsten Morgen (Heiligabend) fuhren wir weiter nach Nusa Lembongan. Vorher mussten wir allerdings noch schnell Schuhe für Hennes kaufen, seine Crogs waren am Vorabend wohl im Taxi geblieben. Eine Stunde Bootsfahrt und dann: Himmlische Ruhe. Kleine Insel (wenig Touristen und die Bewohner leben von Algen und Seegrasplantagen im Meer), klares Wasser, kleines ruhiges Hotel.  Ideal zum Ausspannen und das Essen war auf der Insel auch gleich viel besser. Und abends konnte man mit einem Cocktail im Pool sitzen und den Sonnenuntergang am Strand betrachten.

Den heiligen Abend verbrachten wir dann, nachdem Hennes recht früh umgefallen war,  recht ausgelassen und fröhlich an der Hotelbar, wo Hotelmanager Brian Konzert-DVDs zeigte, Drinks spendierte und seine sonst recht strikten Öffnungszeiten deutlich überdehnte. Und um Mitternacht fingen dann die Australier an, Weinachten zu feiern. Der nächste Tag war dann natürlich leicht behelmt. Morgens kleine Bescherung für Hennes unterm Plastiktannenbaum und nachmittags ließen wir uns mit einem kleinen Boot zu einem Korallenriff fahren und gingen schnorcheln. Wunderbar, so eine Menge verschiedener bunter Fische und Korallen hatte ich noch nie gesehen. Nur Hennes wollte nicht so recht. Der Bootsführer hatte ihm kurzerhand eine Schwimmweste und Taucherbrille verpasst und dann alleine ins Wasser gesetzt, während wir noch am Flossen anziehen waren, was nicht so Hennes Sache war. Dafür ritt er später noch auf des Bootsführers Rücken übers Meer, während dieser schnorchelte. Und später brach er die Dusche am Hotelpool ab. Am nächsten Tag mieteten wir zwei Motorroller und erkundeten die Insel, fuhren mit dem Kanu durch einen Mangrovenwald und später dann über eine Hängebrücke zur Nachbarinsel. Horst, der noch nie Motorrad gefahren war, schlug sich recht wacker und legte einmal sogar einen  spektakulären Stunt hin (Rollsplit…). Am nächsten Tag hingen wir ein Weilchen in der Mangrovenbar  ab, schlürften frische Kokosmilch aus der Nuss, aßen leckere Fischspieße und entdeckten schließlich noch einen absoluten Traumstrand.

Abends futterten wir uns durch die Strandrestaurants, wo es  überaus leckeren Fisch, Garnelen, Hummer, Tintenfische etc. gab. Sehr lecker. Leider fingen Horst und ich uns irgendwo Dünnpfiff ein. Am 28. mussten wir leider schon die Insel verlassen um am 29. den Flieger zu kriegen. Nochmal Kuta, schlimmes Hotel inklusive Bauarbeiten für Pool bis 23 Uhr mit Wasserabstellen, als ich gerade duschen wollte und intensivem Dünnpfiff. Aufstehen um halb vier Uhr morgens, um nachmittags nach Umsteigen in Jakarta endlich bei uns im Dorf anzukommen. Am nächsten Tag noch ein Bike für Horst gemietet und dann zusammen die Gegend erkundet: Basar von Bukittinggi, Panorama Park mit Bunker und Affen, Sianok Canyon etc.

Sylvesterabend einen Film gekuckt, mächtige, in Deutschland vermutlich verbotetene Raktenböller gezündet, Sekt getrunken und später mit Bayu und Kiki noch UNO gespielt.  Tags drauf fuhren dann wir Jungs per Bike ins Harauvalley, während Susa im Dorf blieb, um die Festvorbereitungen zu dokumentieren. Tolles Tal, Felsen, Gibbons und Wasserfälle, Wasserfälle, Wasserfälle… Leider zuwenig Zeit dort, am Vorabend gerieten wir in Regen und Dunkelheit, was für nachtblinde Brillenträger kein Spaß ist, so dass wir diesmal rechtzeitig aufbrechen wollten. Egal, wir fahren nochmal ins Haurauvalley, das Homestay dort sah nämlich auch extrem gut aus, Hennes hatte dort sofort zahlreiche Freundschaften geschlossen, besonders mit dem Küchenpersonal und brachte die Taschen voller Rambutan mit.

Leider schlief er in Payakumbuh ein und knallte immer mit dem behelmten Kopf (auf der Hinfahrt war ihm einmal sogar der Helm weggeflogen…) auf den Lenker und sackte zur Seite weg, sodass ich ihn irgendwie wach halten musste, was er mit Wutanfällen quittierte. Ging nach einiger Zeit zwar wieder, war aber eine sehr anstrengende einhändige Viertelstunde auf dem Motorrad. Am nächsten Tag zog dann unser Festumzug über die Dörfer, das gemeinsame Essen musste ich aber leider auslassen. Abends jedoch zwei reizende Damen in Bukittinggi kennengelernt, die sehr genau wissen wollten, ob Horst verheiratet ist oder eine Freundin hat… Vorgestern dann Horst zum Bus gebracht, der noch zehn Stunden Warten in Dubai vor sich hatte und versucht, meinen Magendarmtrakt wieder auf  Vordermann zu bringen. Gestern Brot gebacken, während Susa immer noch mit den Festnachwehen und Fotografieren beschäftigt war und abends das frische Brot mit leckerer Schinkenwurst aus der Heimat (Danke, Horst!) und Bier verfeiert. Heute geht es wieder nach Bukittinggi, Fotos abziehen und ins Internet. So, noch ein Filmchen und dann bis später…

Meanwhile in Bali (2)

Veröffentlicht in Unterwegs mit Tags , , am 22. Dezember 2009 von ratso07

OK, ein kurzes Update von Bali aus: Am Samstag haben wir den Rest des Geldes zum Posko Jenggala gebracht und uns die Baustelle vom Kindergarten angeschaut: in etwa zwei Wochen dürfte er fertig sein. Vielen Dank nochmal an Euch alle! Gestern trafen wir nach dem üblichen Höllenritt (verlor die Nerven, dann mein Gesicht und bat den Fahrer, doch ein bisschen langsamer zu fahren) Horst In Jakarta und kamen spät im Hotel an. Heute Strand, leider voller toter Fische und das Meer voller Plastikmüll, niemand wusste warum. Und unerträglich schwül… Übermorgen geht es nach Nusa Lembongan, sehr kleine Insel ohne Autos.  Mit Plastiktannenbaum von Rainer, überbracht von Hotte… Hennes hat es jetzt (18 Uhr) nach dem Strandtag bereits dahin gerafft. Falls ich es vorher nicht mehr zum Bloggen schaffe, wünschen wir euch allen schon mal

Fröhliche Weihnachten!

Der Hund, der eine Ente war

Veröffentlicht in Unterwegs mit Tags am 14. Dezember 2009 von ratso07

And another thing. If they’re called off-road vehicles, why are so many of them on the fucking road? (Julian Barnes)

11. Dezember, morgens. Kris (präsenile Bettflucht? Obwohl es mich nicht wundert, dass er morgens so früh wach wird, da er zwar jeden Morgen nach B. fährt, dort aber nicht arbeitet  -  wozu auch? Seine Eltern sind reich – , sondern sich bei seiner Frau aufs Sofa legt und ein Nickerchen macht) wienert bereits eifrig seinen Jeep und lässt sich dabei die Ohren mit „Musik“, die wir nicht mögen, durchpusten. Seltsam: Er poliert und putzt sein Auto zweimal täglich, dabei wird es sowieso nie schmutzig. Erinnert mich irgendwie an „Themroc“, von dem ich sowieso wünschte, ich hätte ihn dabei, ist es doch einer der Filme, der jenseits aller Sprachbarrieren funktioniert. Obwohl dessen Humor auch nicht jedermanns Sache ist… Regnet derzeit zuviel, war deswegen noch nicht zur Geldübergabe. Dafür hat jetzt, nachdem Susa über den Berg ist, mich die Krätze erwischt. Ganz groß. Was zu helfen scheint, ist, die juckenden Stellen mit Eis bzw. Kühlelementen einzureiben. Saß also gestern abend eine Weile auf Eis. Die Vorstellung, dass da gerade Milbenweibchen Tunnel durch meine Haut graben und mit ihrem Kot meinen Juckreiz verursachen, ist keine schöne nicht. Naja, noch ist es nicht so schlimm wie es bei meiner liebreizenden Gefährtin war und in zehn Tagen kommt Horst mit der chemischen Keule. Bis dahin packe ich meine Klamotten regelmäßig ins Eisfach. Hoffe nur, wir haben die Seuche nicht auf Bali bekommen, weil wir da ja wieder hinfahren. Habe sicherheitshalber ein anderes Hotel gebucht, und Heiligabend werden wir auf Nusa Lembongan verbringen. Ohne Nordmanntanne.

Eben wollte ein Huhn ins Zimmer kommen, ich vertrieb es, Hennes aber sprach: „Ey, der darf hier rein.“ Ach so. Hatte bei den Bauarbeiten zahlreiche Porträtfotos mit Tele gemacht, von denen  Susanne neulich einige mithatte. Dabei spielten sich wohl tumultartige Szenen ab, die Fotos wurden ihr teilweise aus den Händen gerissen. Jetzt tauchen täglich Kinder auf und fragen nach Fotos. Hennes kackt derzeit mit Vorliebe auf den Hof – und legt dann einen Stein drauf. Müssen wir ihm wohl spätestens in Deutschland wieder abgewöhnen. Wenig Mails und Blogbesuche: Vorweihnachtsstress in Deutschland? Eigenartig, davon bekommt man hier überhaupt nix mit. Und wärmer ist es auch. Aber nasser…

14.  Dezember. One week till Bali… Viel Regen. Fiona kam gestern. Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass wir wohl ein kleines sprachliches Missverständnis beim letzten Mal hatten. Ducks and Dogs. Während ich also seitdem der irrigen Meinung anhing, dass die Schotten auch gerne mal einen Hund verspeisen, glaubte sie seitdem, dass die Deutschen Enten keinesfalls essen, sondern nur als Haustiere halten…Des Regens wegen immer noch nicht beim Kindergarten gewesen (jemand will mir aber ein Foto mailen), steht aber diese Woche an. Zwei Brote gebacken das letzte Mal, sehr gut gewesen, besonders, seitdem wir die Feinheiten des Backofens herausgefunden haben.

Macht man den Grill an, fliegt aber sofort die Hauptsicherung raus, besonders dann, wenn es dunkel ist, die Lichter an sind und die beiden Mitbewohner ihre Fernseher laufen haben. Wäre ein guter Trick, etwaige morgendliche oder nächtliche Lärmquellen versiegen zu lassen. Gestern hatte ich Fotos zu den Bauarbeiten mit, die Männer waren etwas zurückhaltender beim Fotos aus den Händen reissen, wenn auch nicht viel. Wie Susa herausfand, helfen wohl die hiesigen Männer zuweilen im Haushalt und in der Küche mit, aber nur wenn es niemand sehen kann, da sie befürchten, es würde sonst jemand denken, sie hätten Angst vor ihrer Frau. OK, das wars für heute, müssen gleich nach Bukittinggi.

Internet, Einkaufen, kurz mit einer Irin treffen. Hennes bekam von Fiona eine Stoffkuh geschenkt. Als erstes hat er ihr natuerlich mit einem Plastikmesser die Kehle durchgeschnitten. Das Opfersfest laesst gruessen. Aber jetzt liebt er sie schon heiss und innig, sie musste sogar auf dem Motorrad mit nach Bukittinggi fahren. So. Noch ein kleines Musikvideo gefaellig? Und: Ich brauche immer noch ganz viele Spenderfotos…

Im Schatten der Zwerge

Veröffentlicht in Unterwegs mit Tags am 5. Dezember 2009 von ratso07

Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten (Karl Kraus)

4. Dezember. Gestern war wieder einer dieser Tage… Eigentlich begann alles ganz gut. Nach Bukittinggi gefahren, Dosenöffner (die Butter…) und ein großes Brotsägemesser gekauft. Mein erstes Brot ist ganz lecker geworden, nur die Kruste war hart wie Stein. Backe nächstes Mal besser zwei oder drei kleine. War gar nicht so schwer mit dem Hefeteig, obwohl ich gern ein Rührgerät gehabt hätte, man muss offensichtlich nur warten, bis der Halunke endlich aufgeht. Dann Flüge gebucht für den 21. Dezember: Drei Leute von Padang nach Jakarta, Vier von dort nach Denpasar und alle Mann zurück am 29. Dezember. Haben also Zeit genug, von Bali aus einen Abstecher nach Lombok zu machen. Lala getroffen, der ein Weilchen neben uns stand und kein Wort sprach. Auch gut. Im Turret wurde Susanne von der Besitzerin angesprochen: Ob es in Deutschland Organisationen gebe, die Kindern den Schulbesuch finanzieren könnten. Offensichtlich hat sie neben ihren eigenen beiden noch zwei anderen Kindern das Schulgeld bezahlt. Nur, dass das Geld jetzt alle ist, diese beiden also nicht mehr zur Schule gehen können. Das ist eines der Dinge, die mir hier überhaupt nicht gefallen: Der Schulbesuch kostet Geld. Kein Geld, keine Schule. Nur der Koranunterricht kostet nichts. Aber wer den Koran nicht lesen kann (auf arabisch…), der kommt nicht nur nicht in den Himmel, sondern darf auch nicht heiraten, wie Susa gestern erfuhr. Hennes will Hanum heiraten, scheint ganz schön verliebt zu sein, der Kleine.

Als wir dann schnell vor dem drohenden Wolkenbruch nach Hause fuhren und Hennes wieder auf der Fahrt einschlief, wartete  schon der Dorfchef auf uns. Wollte einige Fotos von den Bauarbeiten haben und sagte, dass in dem Brief, den er bekommen hatte, nur Susanne erwähnt sei (Natürlich: Schließlich ist sie diejenige, die forscht), Hennes und ich aber nicht und ob wir im Büro von Kamang Hilir nicht die Familie noch in den Brief einfügen lassen könnten. Konnten die dort natürlich nicht, dafür müssten wir nach Lubuk  Basung. Und dort werden sie uns dann erzählen, dass wir nach Padang müssen. Jetzt haben wir also alle Papiere beisammen, aber in Padang haben sie ‘den Fehler gemacht’ ,   die Familie nicht zu erwähnen, obwohl Susanne auch dort etliche Formulare für alle Drei ausgefüllt hat und jetzt wirft der kleinste Zwerg den längsten Schatten und macht Probleme. Susanne war sehr begeistert, wäre beinahe geplatzt, natürlich erst nach dem Kantorbesuch. Was soll’s, ich habe meine Aufenthaltserlaubnis sowie einen Brief aus Jakarta und es ist alles in Ordnung. Bevor ich deswegen nochmal nach Padang fahre, werde ich ihm sagen, dass, wenn er Schwierigkeiten macht, also mein Freund, der Dorfchef, offensichtlich nicht will, dass ich in seinem Dorf bleibe, dann werde ich eben meine Koffer packe und zurück nach Deutschland fahren. Muss irgendwie versuchen, ihn in ein moralisches Dilemma zu versetzen. Der einzige, der die Schwierigkeiten machen könnte, die er befürchtet, ist er selbst.

Später ging Susanne dann den Koranunterricht (der Lehrer raucht im Unterricht…) besuchen und ich Abwaschen, bemerkte also nicht, dass die Kindergang wieder bei den Fischen war. Dort ist das Wasser gerade wieder ziemlich flach, fast alle. Bald liegen sie wieder auf dem Trockenen und sterben. Und was taten die Zwerge? Warfen mit Steinen die Fische tot. Und Kleinmann schleppte die größten Brocken heran… („Die Freunde haben meine Fische totgemacht!“ „Und wer hatte die Idee?“ „Ich.“) Vielleicht sollte ich nicht so sauer sein: Immerhin haben die Kleinen neulich gesehen, wie die Großen zusammen fünf Kühe gekillt haben. Vielleicht haben sie das Gemetzel einfach nur nachgespielt, nur mit Fischen halt. Den Kindern hier ist sowieso eine gewisse Grausamkeit dem Getier gegenüber zu eigen, aber das ist bei Kindern ja überall so. Nur dass es hier den Eltern vollkommen egal ist. (Interessant: Aus den kleinen Hausbauelementen, die ich für Hennes gekauft habe, dann aber erstmal selbst mit Begeisterung für riesige und ausgefeilte Gebäudekonstruktionen verwandte, die Hennes allerdings sofort wieder zerstörte, hat Dewi für ihre Zwillingsmädchen als erstes zwei Pistolen gebaut…)

Die Ohrenstöpsel blenden den morgendlichen Lärm teilweise ganz gut aus. Ohrenstöpsel nutzen aber nichts, wenn sich ein Dreijähriger auf dein Gesicht setzt… Neulich „Up“ gesehen, war für Kleine leider doch überhaupt nicht geeignet. Hennes muss aber sowieso auf Filmentzug gesetzt werden. Das nahm langsam Formen an… Und Eis bekommt er (von uns) auch nicht mehr. Schreit rum, dass er Eis will, und wenn er es hat, leckt er zweimal und wirft es dann weg. Neulich erklärte ich einer Nachbarin lang und breit, dass er von mir erstmal kein Geld zum Einkaufen mehr bekommt, weil er die Sachen immer nur anleckt und dann wegwirft. Sie hörte sich das ein Weilchen an, ging dann weg und drückte ihm vorher noch schnell 1000 Rupiah in die Hand. Soweit dazu… Vor ein paar Tagen war wieder Stromausfall (Lampu mati: Lampe tot), mehr als vier Stunden lang und offensichtlich nur bei uns, die Nachbarn hatten Strom. Ich also zum Alten, er „Lampu mati“, ich: „aber nur hier, bei den anderen nicht“. Sicherung überprüft, nix. Er fragte also sämtliche Nachbarn „Lampu mati?“, „Nein“. Dann kam sein Sohn, fragte sämtliche Nachbarn „Lampu mati?“ und telefonierte herum: „Lampu mati?“ Konnten sich offenbar nicht vorstellen, dass in ihrem großen teuren Haus Stromausfall war und bei den anderen nicht. Dann fuhren sie weg und irgendwann kam der Strom zurück. Naja, hat sich der Kühlschrank gleich mal wieder selbst abgetaut. Der vereist sowieso nach drei Tagen. Vorgestern wollte ich, als der Muezzin zum Abendgebet rief, Hennes nach Hause holen, da saß er bereits mit Hanum, Rachmat und deren Eltern am Küchentisch und verlangte resolut nach noch mehr Reis. Kein Wunder, dass er bei uns so wenig isst… Neulich bin ich mit ihm – zur Ablenkung, weil: Wo ist Mama? -  wieder mal über die Dörfer geschüsselt, als mir aus irgendeinem Haus ein herzhaftes „Fuck you!“ hinterher gerufen wurde. Naja, vielleicht waren das auch nur die einzigen Fremdsprachkenntnisse, die da angebracht wurden. Eben hat Hennes „abgewaschen“, nun steht er vor mir und haut mich: „Komm, wir streiten!“ Ich will aber gar nicht. Susa hat heute zwei Termine, ich also Hennes. Mal gucken, ob ich eine Playgroup finde, vier, fünf Dörfer weiter soll eine sein. Da muss mal wieder Struktur rein, muss ja nicht unbedingt die Koranschule sein. Obwohl: Wenn er doch heiraten will…

5. Dezember. Bin gerade in Bukittinggi im Netz. Mein Biergrossist hatte keins  mehr, offensichtlich gab es eine Preiserhöhung (Panikkäufe?). Habe dafür einen Laden entdeckt, in dem es Kebab gibt. Musste den Post vom 23.11. nochmal updaten: Die Spendensumme hat jetzt fast die 3000 Euro erreicht. Vielen, vielen Dank! Das Geld bringe ich nächste Woche runter. Fotos von Euch allen brauche ich aber auch noch!!!

Lerm und Geräusch

Veröffentlicht in Notizen mit Tags , am 1. Dezember 2009 von ratso07

Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen läßt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot (Kurt Tucholsky)

30. November. Ein halbes Jahr ist rum… Heute morgen war Stromausfall, der Muezzin also zum Schweigen verurteilt. Hätte man also richtig ausschlafen können. Problem war nur, dass Kris, weil er ohne Strom natürlich weder Musikhören noch Fernsehen konnte, deswegen die Anlage des vor unserem Schlafzimmerfenster stehenden Autos aufreißen musste. Und die hat eine Art Schluckauf, der auch durch entsprechende Lautstärke ausgeglichen werden musste, also ein Takt sehr laut, ein Takt laut usw. Naja, ansonsten bindet er morgens auch gerne seinen Hund vor unserem Fenster an, der dann dort stundenlang herumwinselt. Manchmal frage ich mich, ob das böser Wille oder einfach die grundsätzliche Rücksichtslosigkeit reicher Leute ist, tippe bei ihm aber eher auf eine häufig vorkommende Gedankenlosigkeit oder eigentlich ständige Abwesenheit von Gedanken, die nicht ihn selbst oder die Erfüllung seiner Bedürfnisse betreffen. Sein kleiner Bruder, der ihn nicht leiden kann, erzählte mir einmal in einem Ausbruch, der mich wegen der ansonsten üblichen emotionalen Zurückhaltung der Hiesigen sehr überraschte, dass sein älterer Bruder schwer drogensüchtig gewesen sei und auch eine Operation „am Kopf“ hinter sich habe. Sein etwas roboterhafter Gang, das teilweise zwanghaft wirkende Lächeln und die erhebliche Schwerhörigkeit scheinen Folgen davon zu sein. Vom morgendlichen „Lerm und Geräusch“ (Kurt Tucholsky) abgesehen ist er aber immer nett und hilfsbereit.

Als ich gestern wieder der Dammarbeiten wegen Gesteinsbrocken und Zementeimer (auf sanftes Zureden des Dorfchefs spendeten wir gestern zwei Sack Zement…) schleppte, zog ich mir natürlich etliche kleine Risse in den Fingern zu, was eigentlich kein Problem war, nur das gemeinsame (scharfe) Essen mit der Hand war kein Vergnügen. Jedes Mal, wenn ich in die Schüssel griff, hätte ich mir diesmal doch Besteck gewünscht. Naja, die Gewürze (Chili) desinfinzieren bestimmt gut. Hennes pinkelt derzeit überall, wo Kacheln oder Fliesen sind, also überall, nur nicht ins Klo. Gestern nachmittag auf dem Markt bekam er zwei Fische geschenkt und war stolz wie Bolle. Heute muss ich mal versuchen, die zahlreichen noch in einer Tüte im Waschbecken liegenden und langsam verwesenden Teile der Inneneinrichtung des Jungbullen (das Foto der Kuhköpfe ging leider nicht durch die Zensur…) unauffällig im Garten verschwinden zu lassen. Die zahlreichen Hunde, die sonst immer die gut gefüllten Windeln von Hennes im Dorf verteilen, werden sich schon darum kümmern. In drei Wochen kommt Onkel Hotte, wird Zeit, mal die Flüge nach Bali zu buchen. Vielleicht klappt auch ein Treffen mit Karin & Co in Jakarta. Mir ist aufgefallen, dass viele Leute hier ganz große Schwierigkeiten mit dem Kopfrechnen haben, also selbst simpelste Berechnungen (50-36) werden mit dem Taschenrechner vorgenommen oder zumindest schriftlich absolviert. Susanne meinte dazu, dass es einige Studien gibt, die besagen, dass Menschen, die in eher kollektiv orientierten Gesellschaften aufwachsen, Schwierigkeiten haben, abstrakte Aufgaben zu lösen. Gut möglich. Interessant fand ich aber auch Karins Einblicke ins Schulsystem (ihr Sohn M. besucht gerade eine Schule auf Sulawesi):

„Man fragt sich allerdings, wie M. neulich meinte, „was eigentlich der Mittelpunkt der Schule ist: der Unterricht? Oder ist es ein Basar? Oder eine Art Freizeiteinrichtung?“ Der Lehrstoff ist es jedenfalls nicht. Im Unterricht reden alle miteinander und es kümmert die LehrerInnen nicht. Man schreibt sich SMS oder telefoniert mit seinem Handy oder hört mit dem Handy Musik. Im Computerunterricht spielen alle irgendwelche Ballerspiele. Während der Klassenarbeiten lesen LehrerInnen gerne Zeitung, die Lösungsblätter gehen offen herum bzw. schickt man sich gegenseitig per SMS die Ergebnisse. Das Englischbuch weist eklatante Fehler auf. Der Kunst- und Werklehrer lässt in den höheren Klassen Schlüsselanhänger, Stempel mit lokalen Schnitzmotiven etc. herstellen, die er dann den Kindern aus den jüngeren Klassen mit nicht geringem Nachdruck zu verkaufen versucht. M. hat er wochenlang versucht, ein Buch mit traditionellen Schnitzmotiven anzudrehen. LehrerInnen lassen sich von den SchülerInnen reihum Kaffee, Eis oder Kuchen kaufen. Als eine Lehrerin M. mal aufforderte, ihr ein Kaffee und ein Eis in der Schulkantine zu kaufen, hat er sie nur fassungslos angestarrt und meinte, er hätte kein Geld. Die Schule hat auch keinerlei pädagogischen Anspruch. Wenn sich Schüler prügeln, kommt fast die ganze Schule – inklusive einiger LehrerInnen – angerannt und schaut zu, aber niemand greift ein.

Als M. eine Zeit lang von Horden jüngerer Schüler in den Pausen immer „He, bule!“ gerufen wurde – eine abfällige Bezeichnung für „Weißer“, die ihn sehr gekränkt hat, hat sich absolut niemand dafür zuständig gefühlt, da es ja auch keine Pausenaufsicht gibt. Seine eine Lehrerin versucht ihn seit Wochen zu überreden, ihr die zwei Bände meines Deutsch-Indonesischen-Wörterbuchs zu kopieren oder doch gleich ganz zu überlassen. Bisher habe ich es für koloniale Überheblichkeit gehalten, sein Kind nicht auf eine einheimische Schule zu schicken, inzwischen bin ich da etwas milder gestimmt.“

Frage mich, ob das nur auf Sulawesi zutrifft. Auf Sumatra scheint im Kindergarten, in der Grundschule und besonders in der Koranschule ziemlicher Drill zu herrschen. Was die Fehler in den Unterrichtsmaterialien angeht, das kann ich nur bestätigen. Und die Sprachkenntnisse der Englischlehrer, die wir bislang kennenlernten, sind tatsächlich, nunja, etwas anders als bei uns. Susanne hat gestern abend drei Stunden lang Rendang gekocht und gerührt, sieht lecker aus. Und ich will heute mal versuchen, ein Brot zu backen. Achtung: Ich brauche noch Fotos der Spender, sonst müssen wir das mit dem Plakat lassen. So, genug für heute.

1. Dezember. Boah. Winter eigentlich. Kann es sein, dass gestern der erste Advent war? Schwer vorstellbar hier. Bei uns ist es immer noch warm (und hat Mücken). Das Rendang ist zwar ziemlich scharf, aber unglaublich lecker geworden. Selbst Hennes panzert es sich rein wie ein Großer.

Gestern mittag hat er von Kris einen Riesensack mit Krupuk (eine Art Chips mit Fischgeschmack, die Hennes gern ganz alleine essen kann) geschenkt bekommen. Die Tüte ist zwar fast so groß wie er selbst, aber er ist schon gut dabei… Neben seiner Vorliebe für Tom und Jerry und Pinguinfilme hört er aber auch gerne mal „Peter und der Wolf“ (Thanks, Torsten!) und den „Räuber Hopsenhops“. Und schneidet mit einer Schere alles klein, was er in die Finger bekommt. Muss ihn wohl nachher mit nach B. nehmen, sonst kommt Susanne zu nix. Mal schauen, ob ich dann ins Netz komme. Gerade wurde er aber von seiner Kindergang zum Spielen abgeholt. Überlege auch, die ziemlich teure eingedoste Butter beim Chinesen zu kaufen, hoffe nur, dass die nicht ranzig ist, wer weiß, wieviele Jahre die dort schon im Regal stand. OK, das wars für heute, Euch allen einen schönen Advent!