13. Januar, morgens. Rechner hochgefahren, Internet besucht. Beim E-Mail-Programm sprangen mich gleich Schlagzeilen an wie „Essstäbchen steckt in Gehirn von kleinem Jungen fest“ und „Nachbarin sah Bremer Doppelmord mit an“. Lecker… Morde in der Familie scheint es hier weniger zu geben, dafür mehr mit politischen Hintergründen. Keine schöne Nacht: Die Alarmanlage in Kris’ Auto ist kaputt (vom vielen Waschen?) und geht gerne mitten in der Nacht los, was ER dann nicht hört. Später dachte ich, ein leichtes Erdbeben zu spüren, war aber der Fernseher seines alten Herrn, der so laut war, dass mein Bett vibrierte. Kris hätte also die Alarmanlage sowieso nicht hören können, selbst wenn er hören könnte. Noch kein Regen, vielleicht fahren wir also später mal ein paar Tage ins Harauvalley und nach Payakumbuh, kann Susa mal in Ruhe ihre Notizen durchgehen, hier findet man ja doch keine Ruhe.
Sonntag waren wir im Sianok-Canyon unterwegs, auch sehr schönes Flusstal mit eltichen Wasserfällen, die Piste wurde nur irgendwann so steil, dass das Motorrad (Automatik…) zu qualmen anfing und wir den Berg wieder runterrollen mussten. Entdeckten aber einen sehr schönen Platz am Fluss, an dem drei Jungs gerade eine Art Homestay mit Restaurant bauen, wunderschön gelegen, die Hütten im Minangstil, eine Art Naturlehrpfad legen sie auch gerade an und bieten Rafting an. Ist zwar noch nicht alles fertig, aber wir werden das demnächst mal ausprobieren müssen, sieht einfach zu schön aus. Vielleicht können wir dann auch endlich mal wieder Kanufahren…
Auf der Rückfahrt wären wir beinahe trocken nach Hause gekommen, hätte nicht Hennes, windellos auf dem Motorrad hinter mir sitzend, in die Hose gepinkelt. Da war ich dann, nunja, etwas angepisst… Montag besuchten wir auf ausdrückliches Verlangen der Lehrerin den Englischunterricht in einer Schule in der Nähe, eigenartige Veranstaltung, das Englisch der Lehrerin war katastophal, sie verstand so gut wie nichts und hörte ohnehin kaum zu, und ihr Unterricht war dementsprechend.Es war schlicht nicht möglich, ihr begreifbar zu machen, dass mein Name „Udo“ lautet (Uda bedeutet auf Minang sowas wie älterer Bruder und geht eben auch als Anrede durch, worauf sie hartnäckig behauptete, Susanne würde daraus folgernd „Uni“ angesprochen werden, was ihr auch nicht auszureden war).
Die Schüler mussten vorsingen und tanzen und zwangen mich darufhin auch zum Vorsingen. Eigenartige Veranstaltung, waren froh, als wir wegkonnten und leicht erschöpft hernach. Irgendwie scheint „unser“ Dorf das bei weitem strenggläubigste in der ganzen Umgebung zu sein und ich stelle mit leichtem Bedrücken eine schleichende Arabisierung des Islams auf Sumatra fest. Nach dem Erdbeben waren natürlich auch die Golfstaaten mit Hilfe vor Ort, die aber dann aber auch immer gleichzeitig ihre weitaus strengere Auslegung des Islams importieren. Interessanterweise helfen die Scheiche aber immer nur in muslimischen Gebieten, Bali wurde seinerzeit komplett von ihnen ignoriert, lohnt ja nicht, weil mehrheitlich Hindus…
Hennes schlägt derzeit mit Begeisterung Purzelbäume und treibt Sport, was mich dazu animierte, ihm einen Handstand an der Wand vorzuführen, ging auch gerade so… Habe immer noch Wasser im Ohr von Nusa Lembongan, als ich mich von den Wellen an den Strand werfen ließ, vielleicht hilft der Handstand ja. Gestern den Stieg Larsson beendet, sehr spannend, nur wo kriege ich jetzt den zweiten und dritten Teil her? Egal, da wartet noch ein monströser Schinken von Roberto Bolano. Habe auch „2012“ auf dem Basar erstehen können, aber noch nicht kucken können, denn wenn Hennes dann im Bett ist, machen wir es meist auch nicht mehr lange. Ansonsten sind wir alle gesund und munter, naja munter morgens meist nur Hennes, und die Krätze scheint auch in ihren Nachwirkungen überwunden. Ertappte mich allerdings gestern dabei, wie ich gedankenverloren mit dem Schnee im Eisfach herumspielte…
Mit der emotionalen Zurückhaltung der Hiesigen scheint es doch nicht immer ganz zu klappen, entnervte Eltern, die ihren Kindern als umltimo ratio eine Tracht Prügel verabreichen, scheint es auch hier zu geben und gestern beobachtete ich zwei Busfahrer, die sich nach einer kleinen verkehrlichen Kontroverse erregt anschrien und kurz davor waren, sich ernsthaft zu wuppen. Wie wir neulich herausbekamen, hat Hennes einige Dinge (Mückenlotion, Öl) heimlich in den Brunnen geworfen, wage nicht daran zu denken, was da noch alles drinliegen mag. Ok, solange es so trocken aussieht, sollten wir langsam mal in Wallung kommen, vielleicht kann man dort ja auch ein GPS-Signal empfangen. Bis dahin…
Abends: Unterwegs eine lange grasgrüne Schlange über die Straße gelassen. Jetzt: Himmlische Ruhe, keine Menschenseele. Die nächste Moschee ist weit, keine dicken Autos, die gewaschen werden müssen und die Sonne wird wohl auch erst gegen neun über die Feldwand krabbeln. Werde sicher vor Aufregung nicht einschlafen können…
Hörst Du den Mond? (Hennes)
20. Januar. Zurück in Koto Nan Gadang. Gestern wieder gekommen, Brote gebacken, Waschmaschine angeworfen und zum Markt, Vorräte aufstocken. Abends kam Kris dann mit einem Paket vorbei: Ein Weihnachtspäckchen aus Kassel, Juhu. Mit Krimis, einer Spiegel-Jahreschronik, einem Hörbuch, einer Lotion für Susanne, Bilderbüchern und Vollkornbrot. Toll! Und wir haben sogar noch etwas Leberwurst übrig. Danach dann Mails gecheckt und erfahren, dass ich Onkel eines kleinen Lennart geworden bin. Noch ein Grund zum Feiern, schön wieder hier zu sein. Obwohl es sich im Harau-Valley auch sehr gut aushalten lässt.
Mir scheint auch, dass sich dort, mehr im Herzen des Minang-Gebietes, noch viel mehr alte Traditionen erhalten haben. Auch sieht man gar nicht so viele Kopftücher und die Leute wirken insgesamt alle sehr gelassen und freundlich. Und das Homestay ist toll. Morgens fangen die Affen irgendwann an, Radau zu machen und sich am Echo zu berauschen, klingt toll, mal schauen, ob ich den Sound hier irgendwo ablegen kann. Susanne musste natürlich arbeiten, also vor allem ihre Unterlagen mal sichten, während Hennes und ich derweil die Gegend erkundeten.
Also vor allem die Wasserfälle, einer toller als der andere. Nur leider auch ziemlich zugemüllt, wie das halt so ist auf Sumatra… Und viele Informationen gab es auch, über Dschinns und deren Abwehr mittels Bädern aus Betelnuss-Bestandteilen und Amuletten und wir entdeckten sogar eine Sammlung von Minangmärchen auf Deutsch.
Die hatte der ehemalige Besitzer des Homestays gesammelt, dabei auch ein Roman über seine Erlebnisse (ganz interessant, gibt es auch als Pdf, das ich auf Anfrage schicken kann). Er hatte sich wohl irgendwann auf Sinnsuche bis nach Indonesien durchgeschlagen, hat dort geheiratet und ist zum Islam konvertiert. Irgendwann waren ihm die Leute im Valley aber nicht mehr strenggläubig genug, mittlerweile hat er ein islamisches (Ferien-)Dorf auf Sulawesi aufgebaut, mit Sharia, islamischem Geld und allem drum und dran… Während wir die Texte in einem kleinen Dorf fotokopieren ließen, warteten wir in einem kleinen Laden, wo Hennes natürlich wieder ganz im Mittelpunkt stand und Susa eifrig Material über die Amulette sammelte.
Ein Zauberwürfel war dort auch, ganz interessant, scheint die These zu unterstützen, dass die Menschen hier teilweise Schwierigkeiten mit abstrakten Aufgaben zu haben scheinen, jedenfalls können sie sich sehr lange und erfolglos damit beschäftigen. Irgendwann wurde mir dann unvermittelt ein missgebildetes Kind ins Gesicht gehalten, riesiger Kopf, statt der Nase ein Loch, aus dem es heraustropfte, die Augen auch nur irgendwie halb vorhanden, ohne Sonnenbrille und mein Phlegma hätte ich vermutlich total erschrocken reagiert. Hennes wurde ganz still, kuckte erschreckt und blieb ein Weilchen auf meinem Arm. Die Leute und Kinder gingen aber sehr fürsorglich und zärtlich mit dem Kind um, fragten nur Hennes immer wieder, ob er Angst vor ihm hätte. Hatte er wohl auch ein bisschen…
Irgendwann tauchten dann noch andere Gäste im Homestay auf, allerdings blieben wir die einzigen Weißnasen im Umkreis von 40 Kilometern. Erst hielt eine Hilfsorganisation im Homestay ein Meeting ab. Einer von Ihnen versuchte Hennes am Abend dazu zu motivieren, einen Kriegsfilm mit explodierenden Köpfen in Nahaufnahme mit anzusehen, auf seinem T-Shirt stand groß „Save the Children“. Wovor? Vor ihm selbst? Mannomann…
Danach eine Gruppe Ehefrauen aus Jakarta, die in der Umgebung bis zur Besinnungslosigkeit shoppen gingen (vor allem kistnweise Krupuk, die lokalen Spezialitäten müssen schließlich als „Oleh-Oleh“ den Lieben daheim mitgebracht werden) und abends Livemusik geboten bekamen. Nicht schön, aber sehr laut (zum Glück flog alle zwei Minuten die Sicherung raus) und mit einer Sängerin, die ihre doch sehr beachtliche Leibesfülle in hautenges Spandex gepresst hatte, was leider dann auch ein bisschen nach Presswurst aussah. Ohrenstöpsel hatten wir aber zum Glück dabei. Unangenehm wurde es nur mit der letzten Gruppe. Während wir frühstückten, tauchten lauter unfreundliche Männer auf, die quasi direkt neben uns ins Gebüsch pinkelten und sich danach ganz nah bei uns hinhockten und uns anstierten. So was habe ich noch nie erlebt und schon gar nicht in Indonesien. Interessanterweise war das eine örtliche Versammlung der Partei von Megawati Sukarnoeputri, Tochter des ehemaligen Diktators und ehemalige Präsidentin. Die Partei der reichen Leute, teilweise in irgendwelchen Milizuniformen, sehr unangenehmes Volk.
Diesen Tag verbrachten wir dann doch lieber woanders, aßen riesige Chips, trafen freundliche Leute in netter Umgebung und konnten abends sogar Arak probieren, den aus einem Baum gewonnenen lokalen Schnaps. Schmeckt aber nicht doll. Interessanterweise bedeutet „Udo“ hier unten „Großvater“, naja, so fühle ich mich manchmal auch…
21. Januar. Gestern war Firman hier, der an der Uni Bukittinggi über Spracherwerb bei Kindern forscht und uns als Forschungsobjekt betrachtet. Während er mit Hennes beschäftigt war und Susanne beim Islamunterricht (der Forschung halber…), konnte ich also ein wenig im Internet herumdaddeln.
Und heute werden Hennes und ich nach Bukittinggi fahren und uns dort mit ihm treffen, was mir dann hoffentlich Gelegenheit gibt, endlich mal den Blog hochzuladen. Noch ein paar Worte zur Sprache: Die Leute hier sind also alle mindestens zweisprachig, im Alltag wird Bahasa Minang gesprochen, allerdings im jeweiligen örtlichen Dialekt, von dem es unzählige gibt, und die sogar von Dorf zu Dorf variieren können, zum Schreiben und für lokale Anlässe wird Bahasa Indonesia verwendet. Am Anfang, als ich noch dachte, es seien nur ein paar Wörter, in denen sich Baso Minang und Bahasa Indonesia unterscheiden, habe ich mal ein bisschen gesammelt:
| Bahasa Indonesia
|
Baso Minang |
Deutsch |
English
|
| Capai |
Panek / latiah |
Müde |
Tired |
| Terima kasih |
Tarimo kasih |
Danke |
Thank you |
| Belum |
Alun |
Noch nicht |
Not yet |
| Ke mana |
Kama |
Wohin |
(to) Where |
| Di mana |
Dima |
Wo |
Where |
| Pergi |
Pai |
Gehen |
Go |
| Sekali / Banyak |
Sakali / bana |
Sehr / viel |
Very / much |
| Kenapa |
Baa |
Warum |
Why |
| Tidak |
Indak |
Nein, nicht |
No, not |
| Apa |
Apo |
Was |
What |
| Semua |
Kasadonyo |
Alles |
All |
| Uang |
Pitih |
Geld |
Money |
| Bekerja |
Karajo |
Arbeiten |
Work |
| Sebegai |
Sabagai |
Als… |
As… |
| Lupa |
Lupo |
Vergessen |
Forget |
| Teman |
Kawan |
Freund |
Friend |
| Ingat |
Ingek |
Erinnern |
Remember |
| Coba |
Cubo |
Versuchen |
Try |
| Rasa |
Raso |
Schmecken / fühlen |
Taste / feel |
| Sedih |
Sadiah |
traurig |
Unhappy, Blue |
| Marah |
Bangih |
Böse, sauer |
Angry |
| Senang |
Sanang |
Froh |
Happy |
| Khawatir |
Rusuah |
Besorgt |
Concerned |
| Juga |
Juo |
Auch |
Also |
| Batuk |
Dikuhue |
Husten |
Cough |
| Bagus |
Rancak |
Gut |
Good / fine |
| Suda |
Alah / uda |
Schon |
Already |
| Kecil |
Ketek |
Klein |
Small / little |
| Besar |
Gadang |
Groß |
Big |
| Perempuan |
Padusi |
Frau |
Woman |
| Sama-sama |
Samo-samo |
Bitte (gern geschehen) |
You’re welcome |
| Kucing |
Kuciang |
Katze |
Cat |
| Anjing |
Anjiang |
Hund |
Dog |
| Istri saya / istriku |
Bini den |
Meine (ehe)frau |
My wife |
| Suamiku |
Laki den |
Mein Mann |
My husband |
| Saya / aku |
Awak / aden |
Ich |
I / me |
| Anda / kamu |
Anda / ang / kau |
Du |
You |
| Dia |
Inyo |
Er, sie |
He, she |
| Satu |
Ciek |
Eins |
One |
| Dua |
Duo |
Zwei |
Two |
| Tiga |
Tigo |
Drei |
Three |
| Empat |
Ampek |
Vier |
Four |
| Lima |
Limo |
Fünf |
Five |
| Enam |
Anam |
Sechs |
Six |
| Tujuh |
Tujuah |
Sieben |
Seven |
| Delapan |
Lapan |
Acht |
Eight |
| Sembilan |
Sambilan |
Neun |
Nine |
| Sepuluh |
Sapuluah |
Zehn |
Ten |
| Sebelas |
Sabaleh |
Elf |
Eleven |
| Duabelas |
Duobaleh |
Zwölf |
Twelve |
| Siapa |
Sia |
Wer |
Who |
| Kapan |
Bilo |
Wann |
When |
| Berapa |
Bara |
Wieviel |
How much |
| Boleh |
Buliah |
Dürfen |
May / allowed to |
| Punya |
Punyo |
Haben |
Have |
| Kasih |
Agian |
Geben |
Give |
| Dapat |
Dapek |
Bekommen |
Get, receive |
| Ambil |
Ambir |
Nehmen |
Take |
| Berhenti |
Baranti |
Aufhören, stehen bleiben |
Stop |
|
|
|
|
Noch ein hübsches Beispiel, welches ich im Netz fand, aber vermutlich auf Sumatra trotzdem niemand versteht:
Minang:Indak buliah mambuang sarok disiko!
Indonesian:Tidak boleh membuang sampah di sini!
English:Do not dump rubbish here!
Eigenartigerweise kann man die Affen heute morgen auch hier in den Hügeln hören, zum ersten Mal. Ob sie uns wohl verfolgt haben?
So. Der ganze Kladderradatsch ist hochgeladen. Die Restbilder pack ich auf Facebook hin. Und Hennes (,der eigentlich eine “Pizza Dickmadam” essen wollte,) ist mit Firman im Zoo. Da kann ich mir ja direkt noch mal eine schoene Zeit im Netz machen, vielleicht finde ich ja wen zum Chatten…
Hoppla, da kann man ja draufdruecken, auf den Smiley…