
14. Juli. Hoppla, Fehlinformation: Im Reiseführer stand irgendwas von 800.000 Einwohnern für Yogyakarta. Im letzten Jahr waren es allerdings schon acht Millionen. Also werden es wohl etwas mehr als eine Million Mofas sein, die hier rumfahren. Eher sechs. Kein Wunder, dass man während der morgendlichen Busfahrt locker die jährliche Dosis von Göttingens Feinstaub einatmet. Dafür darf man meistens rauchen im Bus… Und der Husten ist trotzdem wieder besser geworden.
Am Wochenende waren wir zum ersten Mal mit einem Becak unterwegs, praktischerweise mit dem Mann einer Bekannten und haben uns den Vogelmarkt angesehen. Geckos, Wildkatzen, allerlei Federtier, auch bunt gefärbte Küken, Fisch in tot und auch lebendig konnte man dort erstehen. Den “Feuerspuck” (Hennes) werden wir uns diesmal wohl doch nicht anschauen, die Tour wäre doch etwas heftig mit Kleinmann. Ein andermal.

Das Fest in der Schule war ganz schön, lecker essen, traditionelle Kostüme (Ich Bali, Susanne Java, Hennes Sumatra) und die Lehrer haben eine selbstgeschriebene Oper aufgeführt. Einlagen der Schüler gab es auch, gegen zehn fuhren wir mit einem ohnmächtigen Zwerg im Taxi nach Hause. Heute war ein schwarzer Tag, die Vertreibung aus dem Paradies sozusagen. Wir mussten unsere Oase, unser absolutes Luxushaus verlassen – die Besitzer kehren zurück. Nix mehr mit Dachterrasse, Kühlschrank, Küche und den leckeren Tempe Goreng von Ibu Har. Naja, wenigstens keine Hähne mehr vorm Schlafzimmerfenster. Und kein Nachbar, der (mit immerhin 86 Jahren( jeden Morgen ab 5 Uhr Holz hackt und Steine klopft.

Jetzt hocken wir in einem etwas ranzigen Losmen gleich um die Ecke und sind bedröppelt. Billig zwar, aber auch ein ziemlicher Abstieg. Naja, ist ja nur für zehn Tage. Dann müssen wir, weil derzeit Horden von Touristen, zumeist Australier und Niederländer (zum ersten Mal einen Holländer ohne Wohnwagen gesehen…) in die Stadt eingefallen sind und alles teuer und oder ausgebucht ist, ohnehin nochmal umziehen.
Flüge nach Kuala Lumpur sind gebucht, mal schauen, wie lange wir dort brauchen, bis zum 7. August müssen wir aber ohnehin wegen einer Lieferung in dem Moloch Jakarta ausharren, und wie oft und wann die Schiffe dann dort ablegen ist von hier aus anscheinend nicht herauszukriegen. Die letzten fünf Nächte in Yogya geht es dann in das Hotel mit Swimmingpool (Dort haben sie auch ein VIP-Zimmer – in dem man aber nicht mit Kindern übernachten darf…) Am Wochenende stolperte ich in der Jakarta Post übrigens über eine kleine Meldung aus der Heimat: Demnach hat ein betrunkener Dachs dort nach dem Genuss verdorbener Kirschen für einiges Aufsehen gesorgt – direkt in meiner alten Heimatstadt Goslar. Kleine Welt…
Bin gespannt, wie die Nacht wird: Haben im Zimmer das Zelt aufgebaut, da kein Moskitonetz, Bett ist glücklicherweise kleiner als das vorige, so dass es passt. Wird bloß etwas eng, da Hennes gerne quer im Bett schläft. Ist ja auch ein Querkopf zuweilen.

In der Rezeption riecht es seltsam. Irgendwie nach, naja besser nicht drüber nachdenken. Haben aber auf unserer bisherigen Zimmersuche schon einige echt üble Quartiere gesehen. Fast möchte man froh über die Kakerlaken sein, dann überlebt wenigsten etwas dort. Der Hit war der Swimmingpool mit einer irgendwie schwarzgrünen trüben stinkenden Brühe darin, OK, ich höre ja schon auf… Ansonsten sind wir wieder gesund, die einheimischen Kräutertränke scheinen hilfreich zu sein (Nein, es ist kein Alkohol drin, wir sind hier bei Moslems). In dem mit gelangweilten Weißnasen gefüllten Backpackertreff, wo das Essen gar nicht so gut ist, wie man gedacht hatte und indem ich nicht ans Internet komme, bieten sie Raftingtouren an. Bin ja doch am Überlegen. Freitag schauen wir uns vielleicht dort ein Jazzkonzert an und treffen Elliot, die molukkisch-holländische Kampfkugel, was unser lieber Nachbar gewesen ist, noch einmal. Ansonsten bin ich auch allmählich durch mit dieser Stadt, so schön es hier ist, aber das tägliche Einerlei mit Lernenpopernen und Hennes von Zerstörungsorgien abhalten, stumpft etwas ab.
Dafür bin ich sprachlich doch schon recht versiert (habe neulich vier verschiedene Wörter gelernt, die man jeweils nur unter ganz bestimmten Bedingungen verwenden kann und die auf Deutsch alle mit dem Wort “während” übersetzt werden müssten), sodass ich dem Straßenmusiker im Bus vorgestern einen recht komplexen mit allerlei Konjunktionen versehenen sehr langen Satz entgegnen konnte, der all unsere Pläne für die nächsten Wochen beinhaltete und in der Aussage gipfelte “…und dann fahren wir für eine Stunde nach Sumatra”. Naja, falsches Wort halt, merkte ich aber erst, als der Bus schon einige Kilometer weiter war. Einige Wörter sind aber auch sehr ähnlich. Susanne erzählte dafür neulich sowas wie “Gestern habe ich nur gelernt. Und Kartoffel ich früh aufgestanden.” Nunja, ganz so unkompliziert ist die Sprache dann wohl doch nicht, vermutlich haben sich die Indonesier irgendwann gesagt: “Verdammt, unsere Sprache ist zu einfach. Nehmen wir doch einfach noch ein paar sehr ähnlich klingende Worte und viele verschiedene Bedeutungen für ein und dasselbe Wort dazu.” Und so geschah es…

Über Wortstämme und Imperative will ich denn auch schweigen, bin ohnehin am Überlegen, ob ich in Padang Bahasa Minang auch noch lernen soll, Indonesisch werden die ja wohl verstehen dort, und wenn nicht, habe ich ja eine Dolmetscherin. Und was mir an Vokabeln fehlt, mache ich durch Enthusiasmus wett. Verdammt, wo ist eigentlich die Gitarre? Hennes erste Worte heute abend, als wir hier eintrafen waren übrigens “Und wo ist unsere Küche? Ich habe Hunger!” Und das, nachdem er in den letzten Wochen abends nie was essen wollte. Das wird sicher lustig. Meine Trekkingsandalen habe ich auch vergessen. Ist aber ja gleich um die Ecke, kann man nochmal hingehen und trauern. Einen neuen Präsidenten haben sie hier auch gewählt. Es ist der alte. Horst Köhler wieder. Mit Stimmenauszählen werden sie zwar erst in zehn Tagen fertig sein, aber das muss ja nix heißen. Laut Hochrechnungen hatte er schließlich 60 Prozent. Das soll Frank Merkel erstmal nachmachen. Oder hieß er Walter? Egal. Morgen muss ich doch mal wieder ans Netz. Bis dann…
15. Juni. Wieder nicht ans Netz gekommen. Mussten erstmal Reiniger und Duftkram kaufen, damit wir nicht in unserem neuen Badezimmer erstinken. Müssen hier schließlich noch eine Weile ausharren, da alles andere ausgebucht oder von unterirdischer Qualität ist. Heute morgen haben wir (Ausflug mit Lehrerin) die Tempelanlage Borobudur besucht sehr eindrucksvoll, war aber unmenschlich heiß und von Menschenmassen umlagert.

Und davor warfen sich einem verzweifelte Souvenirverkäufer in den Weg. War nicht so der Riesenspaß mit dem Kleinen.
Heute habe ich eine handtellergroße Heuschrecke im Bus getroffen und einige Kakerlaken scheinen im gleichen Restaurant wie wir gern essen zu gehen (“Tante Lies” lautet der Name des Restaurants und fairerweise muss man sagen, dass der Kakerlak nicht in der Küche zu wohnen schien, sondern aus einer riesigen Spalte im Trottoir hervorkroch. Die Straßen und besonders die Bürgersteige sind ohnehin in einem erbärmlichen Zustand – alle paar Meter gibt es Spalten, Löcher und aufgerissene Hohlräume, in denen, wenn er nicht aufpasst, ein ausgewachsener Mensch zu Gänze verschwinden kann.) Gleich werden wir noch Essengehen und irgendwann müssen wir eigentlich auch noch Hausaufgaben machen. Von Vokabelnlernen ganz zu schweigen. Und die Luft steht, die Mücken wetzen ihre Stacheln und Hennes übt sich in Ausbrüchen von Berserkerwut…
